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Dr. Antje Tumat-Schnur
Dr. Jost Eickmeyer

Musikdramatik als Radiokunst: Das deutsche Hörspiel
Musical Drama as Radio Art: The German Radio Play

Di, 9:15-10:45
Musikwissenschaftliches Seminar, Augustinergasse 7, Hörsaal
Beginn: 12.04.2011

Gegenstand

Das deutsche Hörspiel begann in der Weimarer Republik mit dem Entstehen des Rundfunks als Massenmedium. In der Dramaturgie dieser Hörspielformen, dem „Theater für Blinde“, übernahm die Musik nicht nur Aufgaben wie die der Bühnen- und Rahmenmusik in Schauspiel und Oper, sondern ersetzte gleichfalls die fehlende visuelle Ebene durch Illustration und außergewöhnliche Klangeffekte. Die Grenzen zur Funkoper waren dabei fließend, auch diese musiktheatralische Gattung konnte sich durch die ausschließliche Konzentration auf das Akustische all der Stoffe annehmen, denen sich die Bühne verschloss, so etwa phantastischen Sujets oder solchen, die die Grenzen von Raum und Zeit sprengen. Nach der politischen Funktionalisierung des Hörspiels in der NS-Zeit wurde es in den 50er Jahren zu einer höchst populären Kunstform, die vielen deutschen Schriftstellern ein lukratives Betätigungsfeld bot. Im geteilten Deutschland etablierten sich eine westdeutsche und eine ostdeutsche Hörspielkultur. Während sich die DDR auf das sozialistische Hörspielerbe der Weimarer Republik bezog, entstand in Westdeutschland mit der Gründung des elektronischen Studios des NWDR Köln 1951 seit den 1960er Jahren das „Neue Hörspiel“, in dem den Textzusammenstellungen oft musikalische Strukturideen zugrunde liegen. Komponisten wie Mauricio Kagel, Dieter Schnebel und John Cage verwirklichten in ihrer Radiokunst musikalische Klangereignisse ohne lineare Dramaturgie.
Besprochen werden im Seminar u.a. Bert Brechts und Kurt Weills \'Lindberghflug\', Max Ophüls’ Hörspielfassung von Goethes \'Novelle\', Ingeborg Bachmanns \'Zikaden\', Hans Werner Henzes Funkopern zu Kafkas \'Ein Landarzt\' und Hildesheimers \'Das Ende einer Welt\' sowie „Neue Hörspiele“ der o.g. Komponisten, wobei die interdisziplinäre Perspektive einerseits auf den literarischen Vorlagen (wenn vorhanden), andererseits auf Einsatz und Funktion musikalischer Mittel gerichtet ist. Auf der Grundlage von theoretischen Überlegungen zu Rundfunk und Hörspiel (R. Arnheim, W. Knilli, Kagel) soll so die spezifische Intermedialität der Kunstform Hörspiel in ihrer historischen Entwicklung herausgearbeitet werden.
Ein Gespräch mit Künstlern aus der aktuellen Hörspielpraxis über Produktion und Rezeption ist geplant.
Interdisziplinäres Seminar, gemeinsam veranstaltet mit Dr. Antje Tumat-Schnur vom Musikwissenschaftlichen Seminar.

Organisationsform

Diskussion im Plenum; Kurzreferate

Textgrundlage und einführende Literatur:

Textgrundlage (zur Anschaffung!):
Ingeborg Bachmann: Die Hörspiele. Ein Geschäft mit Träumen. Die Zikaden. Der gute Gott von Manhattan. München, 12. Aufl. 2007.
Johann Wolfgang von Goethe: Novelle. Mit Texten aus dem Umkreis. Frankfurt a.M. 2000.
Wolfgang Hildesheimer: Das Ende einer Welt. In: Ders.: Lieblose Legenden. Frankfurt a.M., 27. Aufl. 2009.
Franz Kafka: Ein Landarzt und andere Prosa. Hg. u. komm. v. Michael Müller. Stuttgart 1995 u.ö. (RUB 9675).
(Weitere Texte werden zu Semesterbeginn in Kopie zur Verfügung gestellt.)

Einführende Literatur:
Mechthild Hobl-Friedrich: Die dramaturgische Funktion der Musik im Hörspiel. Diss. Erlangen, 1991.
Klaus Schöning (Hg.): Schriftsteller und Hörspiel. Königstein/Ts. 1981.
Christiane Timper: Hörspielmusik in der deutschen Rundfunkgeschichte. Berlin 1990.
Stefan Bodo Würffel: Das deutsche Hörspiel. Stuttgart 1978 (Sammlung Metzler 172).

Studiengänge und Module

Bachelor

BA B 2.1/a Proseminar NDL: Naturalismus bis Gegenwart 6 LP
BA B 2.3 Proseminar NDL: Literaturgeschichte (6 LP)

Master

2. Neuere deutsche Literaturwissenschaft (Lit.)

MA Grundlagenmodul – Proseminar/Forschungswerkstatt/Übung Lit.: Literaturgeschichte (vom Humanismus bis zur Gegenwart) (6 LP)
MA Vertiefungsmodul – Proseminar/Forschungswerkstatt/Übung Lit.: Literaturgeschichte oder Poetologie oder Literaturtheorie oder Editionsphilologie (6 LP)
MA Kompaktmodul – Proseminar/Forschungswerkstatt/Übung Lit.: Literaturgeschichte (vom Humanismus bis zur Gegenwart) (6 LP)

Magister und Lehramt (alt)

Mag und LA (alt) Proseminar: Hausarbeit oder mündliche ZP

Lehramt (neu)

A 2: Basismodul Proseminar Literaturwissenschaft: Naturalismus bis Gegenwart 6 LP
A 3/c: Vertiefungsmodul: Proseminar Neuere deutsche Literaturwissenschaft: Humanismus bis Realismus/Poetologie/Literaturtheorie/Editionsphilologie (6 LP)

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