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Literaturwissenschaftliches Proseminar
Fachdidaktik (polyvalenter BA)
(auch EPG II)
Felix Stang

Erzählen vom Absurden. Mären des Spätmittelalters lesen, verstehen - und unterrichten

Mo, 14:15 - 15:45
PB SR 122
Beginn: 24.10.2016

Gegenstand

Ein Dieb aus Brügge wird König von Frankreich, eine Frau verkleidet sich als Mann und verführt so ihren flüchtigen Ehegatten, Mönche wollen sexuelle Dienstleistungen für die Beichte und landen zum Lohn im Kochtopf, ein toter Pfarrer nascht Teig bei der Nachbarsfrau, ein herrenloser Penis treibt ein Nonnenkloster ins Chaos und ein Ehemann serviert seiner Ehefrau das gut durchgebratene Herz ihres Geliebten. Die Mären des Spätmittelalters, kürzere Erzählungen in Versen, verhandeln Ordnungsbrüche und hinterfragen konventionalisierte Regeln und Vorstellungen. Sie spielen ein „Spiel, das Moral zugleich bestätigt und untergräbt“ (Christian Kiening, Verletzende Worte – verstümmelte Körper, S. 335) und sind in ihrer „kruden Abstrusität“ (Klaus Grubmüller, Das Groteske, S. 51) ein „Gegengewicht zu allem Geordneten“ (Walter Haug, Entwurf, S. 33).
Wie aber sind diese verschiedenen Texte (literatur-)geschichtlich und gattungstheoretisch einzuordnen? Woher kommt der erzählerische Wille zum nichtdementierten Ordnungsbruch? Welche Themen werden vornehmlich wie verhandelt? Wie knüpfen die Erzählungen an zeitgenössischen Vorstellungen und Denkfiguren an? Wie werden solche Vorstellungen unterlaufen und als wandelbare Setzungen entlarvt? Und: Warum lohnt es sich, solche Geschichten zu lesen, zu erforschen und vielleicht sogar an Schulen zu unterrichten (und wie macht man das)?

Vornehmlich diesen Fragen wollen wir in diesem Proseminar gemeinsam nachgehen und uns den Mären des Spätmittelalters aus mehreren Perspektiven nähern:
1. Gattungstheoretische Perspektive: Wir werden darüber diskutieren, inwiefern diese doch recht heterogenen Texte als ‚Gattung‘ verstanden werden können (oder nicht) und ob und inwiefern eine solche Gattungseinordnung überhaupt einen (literaturwissenschaftlichen) Mehrwert haben kann.
2. Kulturwissenschaftliche Perspektiven: Wir werden mit Rückgriff auf aktuelle Forschungsfragen vornehmlich der Gender- und Queer-Studies fragen, wie die Mären des Spätmittelalters unsere heutigen (binären) normativen Vorstellungen der Geschlechter und des sexuellen Begehrens, aber auch entsprechende mittelalterliche Konzeptionen (de-)konstruieren, idealisieren, unterlaufen oder verzerren.
3. Didaktische Perspektive: Wir werden nach der gemeinsamen literaturwissenschaftlichen Analyse verschiedener Mären auch darüber nachdenken, inwiefern Mären im Schulunterricht eine Rolle spielen könnten/sollten und wie eine didaktische Aufbereitung gelingen kann.



Organisationsform

Um das Seminar erfolgreich zu bestehen sind neben einer regen Beteiligung an der Diskussion folgende Leistungsnachweise erforderlich:
1. Das Gestalten einer Sitzung in einer Expert_innengruppe (Thesen, Fragen, Moderation)
2. Das Verfassen eines Kurzessais (2–3 Seiten), z.B. zur Vorbereitung auf Ihre Hausarbeit
3. Das Verfassen einer Hausarbeit (10–15 Seiten). Wer gerne zusätzlich ein Fachdidaktikmodul (ÜK für den polyvalenten Bachelor mit Lehramtsoption, 2 LP) abschließen möchte, kann diese Hausarbeit um einen Unterrichtsentwurf (5 Seiten) erweitern.

Bei all diesen Schritten stehe ich Ihnen natürlich gerne unterstützend zur Seite.
Die Primärtexte werden Ihnen über Moodle zur Verfügung gestellt. Sie können sich allerdings gerne die Sammlung (mit Übersetzung) des Klassiker-Verlags anschaffen, aus der wir einige Mären lesen werden: Novellistik des Spätmittelalters, herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Klaus Grubmüller, Berlin 2011.

Ich freue mich auf Ihre Teilnahme und spannende Diskussionen!

Einführende Literatur:

Walter Haug, Entwurf zu einer Theorie der mittelalterlichen Kurzerzählung. In: Kleinere Erzählungen des 15. und 16. Jahrhunderts, hg. von Walter Haug und Burghart Wachinger, Tübingen 1993, S. 1–36.

Klaus Grubmüller, Das Groteske im Märe als Element seiner Geschichte. Skizzen einer historischen Gattungspoetik. In: ebd., S. 37–54.

Christian Kiening, Verletzende Worte – verstümmelte Körper. Zur doppelten Logik spätmittelalterlicher Kurzerzählungen. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 127 (2008), S. 321–335.

Studiengänge und Module

Bachelor

BA B 2.1/a Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)
BA B 2.2 Proseminar Mediävistik: zweite ältere Sprachstufe/klass. mhd. Literatur (6 LP)
BA B 2.3 Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)
BA ÜK: Fachdidaktik (polyvalenter BA mit Lehramtsoption): 2 LP

Magister und Lehramt (alt)

Mag und LA (alt) Proseminar: Hausarbeit oder mündliche ZP

Lehramt (neu)

A 2: Basismodul Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)
A 3/b: Vertiefungsmodul: Proseminar Ältere deutsche Philologie: zweite ältere Sprachstufe/klass. mhd. Literatur, komplementär zu A 2 (6 LP)

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