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(auch EPG II)
Dr. Sandra Kluwe

Heinrich von Kleist

Fr, 14.15-15.45
PB SR 123
Beginn: 14.10.2011

Gegenstand

Heinrich von Kleist: Das ist die unaufgelöste Dissonanz von Klassik und Romantik, Aufklärung und Gegenaufklärung, Erkennen und Verkennen, Verstehen und Missverstehen, Wachen und Träumen, Ideal und Wirklichkeit, Idylle und Sarkasmus, Liebe und Gewalt, Begehren und Verwehren, Grazie und Grausamkeit. Der unausgesetzte Krieg zwischen unversöhnlichen Polen löst im Leben und Werk Heinrich von Kleists immer wieder einen – plötzlich und unbegründet auftretenden – Ausnahmezustand aus. Während die romantische Ironie in perpetuiertem Schweben die Synthese widerstreitender Pole ins Werk zu setzen versucht, verharrt Kleist in der Zerrissenheit und bezeugt so jene »gebrechliche Einrichtung der Welt«, deren subjektive Reaktion sich in der »Verwirrung der Gefühle« einen oftmals stummen oder allenfalls körpersprachlichen Ausdruck verschafft.
Allerdings übt die Spann- und Bannkraft der latinisierten Periode von Kleists Erzählungen eine teilweise kompensatorische, stabilisierende Wirkung auf den radikalen Extremismus der Handlung(en) aus: Wo alles auseinanderstürzt, wird hier, in der Syntax, dem Kontrollzwang Terrain gewährt.
Ähnlich zwiespältig wie das Verhältnis einer zwanghaften Herrschaft über die Form bei gleichzeitiger Fremdsteuerung im Gehalt wirkt Kleists Geschlechterverhältnis: Da lesen sich die didaktischen Episteln an die Verlobte Wilhelmine von Zenge als Manifestationen eines patriarchalischen Machtwahns, während die Werke – etwa die Tragödie »Penthesilea« – auf postmoderne Weise mit der Überschreitung dichotomer Geschlechterrollen experimentieren. Wer Kleist liest, ist so in mancherlei Hinsicht desorientiert und sieht sich einem Werte-Relativismus jenseits von Gut und Böse ausgesetzt, der auf Nietzsche, Freud und das 20. Jahrhundert verweist.

Organisationsform

Gemeinsame Textinterpretation mit studentischen Sitzungsexpertinnen und Sitzungsexperten sowie Blitzreferaten.

Textgrundlage und einführende Literatur:

Textgrundlage:
Anzuschaffen sind die Reclam-Ausgaben von »Das Erdbeben in Chili«, »Michael Kohlhaas«, »Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik«, »Der Findling«, »Amphitryon« und »Penthesilea«. Alle anderen Texte werden in Form eines Readers zur Verfügung gestellt, der voraussichtlich ab dem 07.10.11 im Kopierladen Copy-Quick (Sandgasse 4A) zu bestellen ist. Spätestens zur ersten Sitzung muss Ihnen dieser Reader vorliegen!
Einführende Literatur:
Kleist-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg. von Ingo Breuer. Stuttgart; Weimar: Metzler, 2009.

Studiengänge und Module

Bachelor

BA B 2.2 Proseminar NDL: Humanismus bis Realismus/Poetologie/Literaturtheorie/Editionsphilologie (6 LP)
BA B 2.3 Proseminar NDL: Literaturgeschichte (6 LP)

Master

2. Neuere deutsche Literaturwissenschaft (Lit.)

MA Grundlagenmodul – Proseminar/Forschungswerkstatt/Übung Lit.: Literaturgeschichte (vom Humanismus bis zur Gegenwart) (6 LP)
MA Vertiefungsmodul – Proseminar/Forschungswerkstatt/Übung Lit.: Literaturgeschichte oder Poetologie oder Literaturtheorie oder Editionsphilologie (6 LP)
MA Kompaktmodul – Proseminar/Forschungswerkstatt/Übung Lit.: Literaturgeschichte (vom Humanismus bis zur Gegenwart) (6 LP)

Magister und Lehramt (alt)

Mag und LA (alt) Proseminar: Hausarbeit oder mündliche ZP

Lehramt (neu)

A 3/c: Vertiefungsmodul: Proseminar Neuere deutsche Literaturwissenschaft: Humanismus bis Realismus/Poetologie/Literaturtheorie/Editionsphilologie (6 LP)

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