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Literaturwissenschaftliches Proseminar
Felix Stang

Vom Reiz des Verborgenen. Ausgewählte Epik und Lyrik Konrads von Würzburg

Mi, 14:15 - 15:45
PB SR 123
Beginn: 18.10.2017

Gegenstand

Eine unsichtbare Geliebte, deren exorbitante Schönheit der Versprochene (zu ihrer Empörung) durch eine Zauberlaterne seiner skeptischen Mutter aufdecken kann; Doppelgänger, die die höfische Gesellschaft durch ihre Verwechselbarkeit an der Nase herumführen und als Freunde durch dick, dünn und im Zweifel auch über die Leichen der eigenen Kinder gehen; ein Ehemann, der seiner ahnungslosen Ehefrau das gut durchgebratene Herz ihres heimlichen Geliebten serviert; ein Ritter, dessen wie aus dem Nichts auftauchendes Boot zum Erstaunen aller von einem Schwan gezogen wird und der auch seiner späteren Ehefrau seine Herkunft verschweigt; ein von Gott Erwählter, der seine Braut in der Hochzeitsnacht verlässt und später bis zu seinem Tod unerkannt unter der Treppe des väterlichen Hauses lebt; und ein Dichter, der Zeuge einer Gerichtsverhandlung wird, bei der die Kunst höchstpersönlich Klage wegen fehlender Beachtung einreicht – die knapp zusammengefassten Plots nur weniger Romane und Erzählungen Konrads von Würzburg (gest. 1287) lassen bereits das breite Spektrum an Gattungen, Fragestellungen und Themen – etwa den erzählerischen Reiz des Verborgenen und Unerkannten oder das Spiel mit Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozessen – erahnen, die sein Oeuvre ausmachen

Die mediävistische Literaturwissenschaft umschreibt diesen Dichter und sein Gesamtwerk seit geraumer Zeit gerne mit Superlativen, und zwar unabhängig von der jeweiligen Forschungsperspektive: rezeptionsgeschichtlich war Konrad nicht nur der produktivste deutschsprachige Autor des 13. Jahrhunderts, sondern auch einer der meistüberlieferten; biographisch gehört er zu den Autoren des Mittelalters, die mit am besten auch als historische Personen fassbar sind; literaturhistorisch lassen sich zahlreiche Bezüge zur literarischen Tradition (v.a. zu Gottfried von Straßburg) feststellen, die er zugleich äußerst innovativ unterläuft; gattungstheoretisch decken die Texte eine Vielzahl literarischer (weltlicher wie geistlicher) ‚Gattungen‘ dieser Zeit ab (allerdings ausgerechnet ohne die Artus- und Heldenepik), darüber hinaus aber auch mehrere Texte, die sich in gar keine ‚Gattung‘ fügen wollen; wissenshistorisch sind die Texte interessant, weil wir es mit Erzählerfiguren zu tun haben, die höchst gelehrt auf zeitgenössische Wissensbereiche aus Theologie, Psychologie, Philosophie usw. zurückgreifen; Stilinteressierte dürfen sich an einem fast schon ‚modern‘ anmutenden l’art pour l’art-Duktus vor allem seiner Lyrik erfreuen; kulturwissenschaftlich bieten die Texte bemerkenswert viele Anknüpfungspunkte zur Analyse von Geschlechterinszenierungen, Begehrensstrukturen, Wahrnehmungsvorgängen und vielem mehr.

In diesem Proseminar wollen wir uns mit einer Auswahl von Konrads literarischen Texten beschäftigen, uns aus mehreren Perspektiven ein Bild des Oeuvres machen und uns darin üben, entsprechende Beobachtungen und Analysen mündlich und schriftlich auszuführen. Neben den beiden Romanen ‚Engelhard‘ und (in Auszügen) ‚Partonopier und Meliur‘ werden wir uns mit ‚Die Klage der Kunst‘, den kurzen Erzählungen ‚Das Herzmære‘ und ‚Schwanritter‘, der Legende ‚Alexius‘ und mit ausgewählten Liedern beschäftigen.

Organisationsform

Um das Seminar erfolgreich zu bestehen sind neben einer regen Beteiligung an der Diskussion folgende Leistungsnachweise erforderlich:

1. Die Mitgestaltung einer Sitzung in einer Expert*innengruppe
2. Das Verfassen einer Kurzanalyse (2–3 Seiten), z.B. zur Vorbereitung auf Ihre Hausarbeit
3. Das Verfassen einer Hausarbeit (10 Seiten)

Bei all diesen Schritten stehe ich Ihnen natürlich gerne unterstützend zur Seite.
Die Primärtexte werden Ihnen über Moodle zur Verfügung gestellt. Den ‚Engelhard‘ bitte ich Sie hingegen zu kaufen (Konrad von Würzburg, Engelhard, hg. von Ingo Reiffenstein, Tübingen 1982).


Ich freue mich auf Ihre Teilnahme und spannende Diskussionen!

Einführende Literatur:

Rüdiger Brandt, Konrad von Würzburg. Kleinere epische Werke, Berlin 2009.

Armin Schulz, Schwieriges Erkennen. Personenidentifizierung in der mittelhochdeutschen Epik, Tübingen 2008, S. 355–497 (Kap. V. Prekäre Immunisierungen. Konrad von Würzburg: V.1. zur legendarischen und nicht-legendarischen Kleinepik; V.2. zum ‚Engelhard‘; V.3. zu ‚Partonopier und Meliur‘; V.4. zum ‚Trojanerkrieg‘).

Studiengänge und Module

Bachelor

BA B 2.1/a Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)
BA B 2.2 Proseminar Mediävistik: zweite ältere Sprachstufe/klass. mhd. Literatur (6 LP)
BA B 2.3 Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)

Magister und Lehramt (alt)

Mag und LA (alt) Proseminar: Hausarbeit oder mündliche ZP

Lehramt (neu)

A 2: Basismodul Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)
A 3/b: Vertiefungsmodul: Proseminar Ältere deutsche Philologie: zweite ältere Sprachstufe/klass. mhd. Literatur, komplementär zu A 2 (6 LP)

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