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Literaturwissenschaftliches Proseminar
Felix Stang

„Hehe!“ – Till Eulenspiegel-Literatur vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart

Mi, 16:15 - 17:45
PB SR 137
Beginn: 18.04.2018

Gegenstand

„Wie ein Fieber griff die Wut um sich – wo man hinsah, wurde geschrien und geschlagen, Leiber wälzten sich, und jetzt drehte Martha den Kopf und sah nach oben. Da stand er und lachte. Den Leib zurückgebogen, den Mund weit aufgerissen, mit zuckenden Schultern. Nur seine Füße standen ruhig und seine Hüften schwangen mit dem Schaukeln des Seils.“ (Daniel Kehlmann, Tyll, S. 24).

Kehlmann eröffnet seinen Roman ‚Tyll‘ (2017) mit einem Schlaglicht auf ein Dorf zur Zeit des dreißigjährigen Krieges, das kurz nach dem Auftritt des berühmten Gauklers Tyll Ulenspiegel (den sich Kehlmann aus dem Spätmittelalter geliehen hat) grausam zerstört wird, mit jenem Streich, der auch im spätmittelalterlichen Schwankroman ‚Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel‘ (1515) am Anfang steht (4. Historie) und das düstere, chaotische und destruktive Potential des ‚lustigen Schelms‘ ins Zentrum stellt. Fasziniert von dem berühmten Narren und gierend nach Unterhaltung, sind ihm die Bewohner_innen des Dorfes in beiden Romanen hörig, werfen auf seinen Befehl ihre Schuhe in die Luft und geraten danach in einen heftigen Streit. Im spätmittelalterlichen Text liest sich das so:

„Der ein sprach: ‚Dieser Schuh ist mein!‘, der ander sprach: ‚Du lügest, er ist mein!‘ und fielen also einander in daz Har und begunden sich einander ze schlagen. Der ein lag unden, der ander oben, der ein schrie, der ander weint, der drit lacht, und wärt so lang, daz die Alten auch Backenstreich teilten und zohen sich bei dem Har. Also saß Ulenspiegel uff dem Seil und lacht und rufft: ‚Hehe! […]‘“ (Ulenspiegel, S. 17).

Deckungsgleiche Emotionen mit seinen Opfern, das wird an den beiden Textstellen schon deutlich, gehören nicht zu Eulenspiegels Handlungsrepertoire: Wo andere wüten und weinen, macht ihn genau dies besonders munter.

Das im 16. Jahrhundert ausgesprochen beliebte Eulenspiegelbuch – und mit ihm die vielen Bearbeitungen bis in die Gegenwart – präsentiert eine Vielzahl an Eulenspiegel-Gesichtern: Sein listiger Spott richtet sich auf den Adel und auf den Klerus, auf Handwerker und Bauern, auf Männer und Frauen, auf soziale Randgruppen und angesehene Leute. Ulenspiegels wichtigste Werkzeuge sind dabei sein Hirn und sein Hintern: Gewitzt führt er seinen Opfern die Sprache als ungenügendes Instrument der Wirklichkeitsbeschreibung vor, indem er Abmachungen nach eigenem Gutdünken deutet, und legt dabei häufig einen derben Fäkalhumor an den Tag, den er nicht selten als konkretes Spiel mit Exkrementen auf die Spitze treibt. All dies ist bereits in seinem niederdeutschen Namen angelegt: ‚ulen‘ steht nicht nur für die Vögel der Weisheit und der Hinterlist, sondern bedeutet als Verb auch ‚reinigen‘, während ein ‚spiegel‘ im Niederdeutschen auch den ‚Hintern‘ meint – ein Ulenspiegel also ist jenen, denen er den Spiegel vorhält, intellektuell überlegen und bietet ihnen dabei zugleich den so genannten ‚schwäbischen Gruß‘.
Inszeniert wird Ulenspiegel dabei stets als Figur, für die selbst die allgemeinsten menschlichen Regeln (dieser Zeit) nicht zu gelten scheinen: Er wird nicht einmal, sondern gleich drei Mal getauft und kommt auch im Tod nicht zur Ruhe – während er bei Kehlmann das Sterben gleich ganz sein zu lassen beschließt (S. 473), reißt im spätmittelalterlichen Roman bei seinem Begräbnis das Seil, so dass der Leichnam im Grab (wie der Seiltänzer, der er zu Lebzeiten war) auf seinen Füßen aufkommt und stehen bleibt – „hie stat Ulenspiegel begraben“, ist auf dem Stein entsprechend zu lesen: Ulenspiegel verkehrt Ordnungen und Regeln, seines eigenen Ablebens ungeachtet.

Der damals wie heute faszinierenden und heterogenen Figur des Dil Ulenspiegel wollen wir uns in diesem Proseminar literaturwissenschaftlich nähern, indem wir uns mit verschiedenen Facetten des spätmittelalterlichen ‚Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel‘ (1515), etwa mit der Gattungsgeschichte des Schwankromans, mit der mittelalterlichen Figur des Narren, dann aber auch mit Sprache, Körper und Geschlecht im Text selbst beschäftigen. Ausgehend von einer eingehenden Analyse dieser ersten Eulenspiegel-Geschichte wagen wir einen Blick in die Rezeption: Von Interesse sind hier etwa die Meisterlieder und Fastnachtsspiele von Hans Sachs (16. Jahrhundert) und die Bearbeitung von Johann Fischart (16. Jahrhundert), dann aber auch neuere Eulenspiegel-Bearbeitungen von Erich Kästner (1938), Clemens Setz (2015) oder eben Daniel Kehlmann (2017).

Organisationsform

Auf der Grundlage wöchentlicher Einzellektüre wird der Schwerpunkt der Sitzungen auf der gemeinsamen Diskussion ausgewählter Textstellen liegen. Darüber hinaus sind folgende Leistungsnachweise erforderlich:

1. Die Mitgestaltung einer Sitzung in einer Expert_innengruppe
2. Das Verfassen einer Kurzanalyse (2-3 Seiten), z.B. zur Vorbereitung auf Ihre Hausarbeit.
3. Das Verfassen einer Hausarbeit

Bei all diesen Schritten stehe ich Ihnen natürlich unterstützend zur Seite.
Auszüge aus einigen Primärtexten werden über Moodle zur Verfügung gestellt. Kaufen sollten Sie sich allerdings die Reclam-Ausgabe von ‚Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel‘, hg. von Wolfgang Lindow, Stuttgart 2001.

Ich freue mich auf Ihre Teilnahme und spannende Diskussionen!

Textgrundlage und einführende Literatur:

Helmut Brall-Tuchel, Ulenspiegel zwischen Narrheit und Widerstand. In: Faszination Frühe Neuzeit. Das Eulenspiegelbuch im Kontext der Literatur um 1500. Eulenspiegel-Jahrbuch 50/51 (2010/2011), S. 129-149.

Ana Mühlherr, Art. ‚Ulenspiegel‘. In: Verfasserlexikon 9 (1995).

Werner Röcke, Die Freude am Bösen. Studien zu einer Poetik des deutschen Schwankromans im Spätmittelalter, München 1987 (bes. S. 213-251).



Studiengänge und Module

Bachelor

BA B 2.1/a Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)
BA B 2.2 Proseminar Mediävistik: zweite ältere Sprachstufe/klass. mhd. Literatur (6 LP)
BA B 2.3 Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)

Magister und Lehramt (alt)

Mag und LA (alt) Proseminar: Hausarbeit oder mündliche ZP

Lehramt (neu)

A 2: Basismodul Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)
A 3/b: Vertiefungsmodul: Proseminar Ältere deutsche Philologie: zweite ältere Sprachstufe/klass. mhd. Literatur, komplementär zu A 2 (6 LP)

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