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Literaturwissenschaftliches Proseminar
Isabella Managò

Glück, Zufall und Schicksal in der mittelalterlichen Literatur

Mi, 16:15 - 17:45
Kstr. 2 SR 004
Beginn: 25.04.2018

Gegenstand

Wie wird in mittelalterlicher Literatur von Glück, Schicksal und Zufall erzählt? „Fortuna, diese heidnisch-antike Verkörperung der Beliebigkeit irdischen Geschehens hätte es im christlichen Mittelalter eigentlich gar nicht geben dürfen. Sie hat in einer Welt nichts zu suchen, für die gilt, dass kein Sperling ohne den Willen Gottes zur Erde fällt“, wie Walter Haug schreibt. Es scheint, als würde die christliche Religion mit dem Glauben an göttliche Vorhersehung, alles Schicksalhafte beseitigen. Dennoch leben besonders Fortuna, aber auch frouwe saelde und andere Personifikationen, die ein übermächtiges Schicksal verkörpern, in der Literatur weiter und werden immer wieder als Personifikation für das Zufällige, Überraschende, für Glück und Unglück – kurz für alles Kontingente – verwendet und es wird sich narrativ mit ihrer Macht auseinandergesetzt.
Um uns dieser Spannung im, wie man sagen könnte, literarischen ‚Kontingenz-Diskurs‘ des Mittelalters historisch fundiert widmen zu können, werden wir zunächst Ausschnitte aus dem Trost der Philosophie des Boethius lesen, einem spätantiken Werk, das das mittelalterliche Denken über Fortuna entscheidend geprägt hat und uns mit der Lehre der futura contingentia des Duns Scotus auseinandersetzen.
Bei der Textanalyse schließlich werden wir uns schwerpunktmäßig der Antikenrezeption, namentlich dem Trojaroman Konrads von Würzburg widmen, in dem häufig u.a. Fortuna als Göttin das Schicksal der Protagonisten lenkt und letztlich sogar die Macht hat, eine strahlend höfische Welt in den Untergang zu treiben. Kontrastieren werden wir unsere Textbeobachtungen anhand zwei weiterer Romane, zum einen dem zeitlich früheren Artusroman Iwein von Hartmann von Aue, in dem saelde, ein christlich-höfisch konnotiertes Glück nur dem auserwählten Helden zufällt. In diesem Zusammenhang werden wir auch das für den höfischen Roman zentrale Konzept der aventiure genauer unter die Lupe nehmen. Zum anderen werden wir uns noch den spätmittelalterlichen Fortunatus anschauen, bei dem auf die Thematik bereits prominent durch den Namen des Titelhelden hingewiesen wird und Glück in Form eines magischen Gegenstandes – eines Geldsäckchens – zu einem konkret sichtbaren Material wird, das es mit allen Mitteln zu verteidigen und zu behalten gilt.
Ziel des Seminars ist es, aufgrund der Basis intensiver Lektüre und des eigenen Textverständnisses Interpretationsansätze zu erarbeiten und in der gemeinsamen Diskussion auch den Umgang mit aktuellen Forschungspositionen zu erproben. Dabei werden wir immer wieder auf die Frage zurückkommen, in welchem Verhältnis göttliche Vorhersehung, menschliche Freiheit und fatalistische Kontingenz stehen und wie dieses in den mittelalterlichen Texten verhandelt wird.


Organisationsform

Studienleistungen sind, wie für Proseminare üblich, die regelmäßige und vorbereitete Teilnahme an den Seminarsitzungen sowie aktive Mitarbeit und die Mitgestaltung einer Sitzung in einer Expert*innengruppe.
Die Prüfungsleistung umfasst die schriftliche Ausarbeitung eines selbst gewählten und mit der Dozentin abgesprochenen Themas in einer wissenschaftlichen Hausarbeit.

Einführende Literatur:

Jan-Dirk Müller: Fortuna, in: Mythen Europas. Schlüsselfiguren der Imagination zwischen Mittelalter und Neuzeit, hrsg. von Almut Schneider und Michael Neumann, Regensburg 2005, S. 245-167.

Studiengänge und Module

Bachelor

BA B 2.1/a Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)
BA B 2.2 Proseminar Mediävistik: zweite ältere Sprachstufe/klass. mhd. Literatur (6 LP)
BA B 2.3 Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)

Magister und Lehramt (alt)

Mag und LA (alt) Proseminar: Hausarbeit oder mündliche ZP

Lehramt (neu)

A 2: Basismodul Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)
A 3/b: Vertiefungsmodul: Proseminar Ältere deutsche Philologie: zweite ältere Sprachstufe/klass. mhd. Literatur, komplementär zu A 2 (6 LP)

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