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Literaturwissenschaftliches Proseminar
Laura Velte

Mittelalterliche Legendenliteratur

Blockveranstaltung: Eine Blockveranstaltung am 04.05.2019
PB SR 137
Beginn: 17.04.2019

Gegenstand

Seit der Entstehung des Heiligenkultes und dem kirchlichen Brauch, am Jahrestag die Lebens- und Leidensgeschichten von Heiligen im Gottesdienst zu verlesen, besaß die Legende oder mlat. \'legenda\' („das, was gelesen werden soll“) einen festen ‚Sitz im Leben‘. In diesem Sinne lassen sich Legenden als Gebrauchsformen oder Medien religiöser Kommunikation beschreiben. Im Zuge der Reformation wurde die Legende schließlich zur Bezeichnung eines nicht recht beglaubigten Berichtes abgewertet – Luther bezeichnete sie gar polemisch als „Lügende“. Wie einflussreich die Legende als Erzählphänomen schon zu Luthers Zeit in ganz Europa war, beweist die Verbreitung der lateinischen Sammlung ›Legenda aurea‹ (13. Jhd.) des Jacobus de Voragine, die in über tausend Handschriften überliefert ist und vor 1500 öfter gedruckt wurde als die Bibel.

Im Zentrum des Seminars steht die übergreifende Frage, wie im Mittelalter von Heiligen und Heiligkeit erzählt wird. Dafür wollen wir uns gemeinsam ein umfangreiches Korpus legendarischer Erzählungen erschließen, die das Leben von Heiligen in den Blick nehmen. Während einige Heilige für die Vorbildhaftigkeit ihrer Lebensführung, für Askese und Wundertaten verehrt werden, treten andere durch die grausamen Umstände ihres Todes hervor. Beide Spielarten, Bekennergeschichten und Märtyrerpassionen, lassen sich als Ausdruck einer \'imitatio Christi\' verstehen, die Leser und Hörer zu rechtem Handeln anleiten soll.
Grundlage der Lektüre bilden das frühmittelalterliche ›Annolied‹ (11. Jhd.), ausgewählte Legenden aus der ›Kaiserchronik‹ (um 1150), Hartmanns von Aue ›Gregorius‹ (12. Jhd.), Konrads von Würzburg ›Alexius‹ und ›Pantaleon‹ (13. Jhd.), Reinbots von Durne ›Georgsroman‹ (13. Jhd.) sowie Ausschnitte aus den Legendaren ›Passional‹ (13. Jhd.) und ›Der Heiligen Leben‹ (15. Jhd.). Zudem sollen Seitenblicke auf die europäische Legendenliteratur geworfen werden.

Leitend werden bei der Diskussion u.a. folgende Fragen sein: Was ist ein Heiliger und wie kann Literatur den Einbruch von Heiligkeit narrativ vermitteln? Was ist ein Wunder, wie vollziehen sich Wunder? Welchen Anteil hat Gewalt an der Konstitution von Heiligkeit? Welche Rolle spielen Körper- und Genderkonzepte in Erzählungen von Heiligen? Wie lassen sich die Überschneidungen von Historiographie und Hagiographie beschreiben? Welchen Kompositionsprinzipien unterliegen die Legendensammlungen des Hoch- und Spätmittelalters, geben sie Aufschluss über mögliche Rezeptionspraktiken? Nicht zuletzt soll die Lektüre durch bildliche Darstellungen von Heiligen vertieft werden, anhand derer wir unterschiedliche Narrativierungs- und Medialisierungsformen von Heiligkeit erörtern wollen.

Organisationsform

Neben der gängigen Praxis (häusliche Vorbereitung und gemeinsame Diskussion der Primärtexte im Seminar) wird eine individuelle Leistung nach Absprache erwartet (z.B. Kurzreferat, gezielte Sitzungsexpertise oder Präsentation eines relevanten Forschungsbeitrags. Zudem verfassen alle Teilnehmer*innen einen Kurzessai. Die These des Kurzessais kann in der Hausarbeit vertieft werden.

Einführende Literatur:


Studiengänge und Module

Bachelor

BA B 2.1/a Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)
BA B 2.2 Proseminar Mediävistik: zweite ältere Sprachstufe/klass. mhd. Literatur (6 LP)
BA B 2.3 Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)

Magister und Lehramt (alt)

Mag und LA (alt) Proseminar: Hausarbeit oder mündliche ZP

Lehramt (neu)

A 2: Basismodul Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)
A 3/b: Vertiefungsmodul: Proseminar Ältere deutsche Philologie: zweite ältere Sprachstufe/klass. mhd. Literatur, komplementär zu A 2 (6 LP)

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