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Vorlesung
Prof. Dr. Ludger Lieb

Doppelwege – Gattungen, Muster, Mischformen. Ringvorlesung der Germanistischen Mediävistik

Do, 16:15 - 17:45
NUni HS01
Beginn: 17.10.2019

Gegenstand

Die Vorlesung bietet einen spannenden Einblick in die deutschsprachige Literatur des Mittelalters und lässt alle DozentInnen der Heidelberger Mediävistik zu Wort kommen. Titelgebend ist der \'Doppelweg\'. Denn er gilt gemeinhin als konstitutives Merkmal des Artusromans (zweimal muss der Ritter einen langen Weg zu seinem Glück gehen), doch zugleich begegnet der Doppelweg auch anderswo, etwa in Hartmanns von Aue \'Gregorius\' oder in Konrads von Würzburg \'Alexius\', die von menschlicher Heiligwerdung im Spannungsfeld von ritterlichen und geistlichen Lebensentwürfen erzählen. Die Rückkehr an den heimatlichen Hof gibt in diesen \'Legenden\' jedoch nicht den Auftakt für eine zweite ritterliche Bewährungsfahrt, sondern leitet vielmehr einen alternativen Doppelweg ein: Die Helden ziehen sich aus der höfischen Welt zurück; der eine büßt exzessiv auf einem Felsen, der andere erträgt christusgleich die ärgste Verspottung. Der Doppelweg ist also ein Muster, das gar nicht eindeutig gattungsbestimmend ist, sondern selbst Mischformen und Brüche erzeugt. Ähnlich ist es auch bei der gefährlichen Brautwerbung, einem anderen wichtigen Strukturmuster, das typischerweise in der Heldenepik anzutreffen ist und in manchen Erzählungen sogar den ganzen Plot dominiert. Das Schema hält aber auch Einzug in den höfischen Roman. So begibt sich Tristan nach Irland, um für König Marke die Königstochter Isolde zu erwerben. Wie im \'Nibelungenlied\' lässt das Werbungszenario Tristan und Isolde als eigentlich füreinander bestimmt erscheinen. König Gunther im \'Nibelungenlied\' verliert in gefährlicher Weise an Macht, weil er ohne seinen \'Vasallen\' Siegfried die eigene Frau nicht erwerben und heiraten kann; die Brautwerbung im \'Tristan\' mündet dagegen in die bedingungslose und ehebrecherische Liebe zwischen Braut und Werbungshelfer.
Die Ringvorlesung widmet sich solchen gattungsspezifischen Mustern und will ihre Verbreitung und Verflechtung mit anderen literarischen Traditionen beleuchten. Dabei sollen nicht nur mittelalterliche Romanklassiker in den Blick genommen werden, sondern auch lyrische Hybridformen wie etwa der Tagelied-Wechsel Heinrichs von Morungen, die Mischung von Pastourelle und Mädchenliedern bei Walther von der Vogelweide oder die Kontrafakturen Oswalds von Wolkenstein. Die erste Sitzung bietet eine theoretische Einführung in das Thema und die damit verbundenen Begriffe wie Hybridität, Interferenzialität und Intertextualität. In den folgenden Sitzungen wird dann jeweils ein bekannter mittelalterlicher Text (oder eine kleinere Textauswahl) im Zentrum stehen, an dem sich solche Interferenzphänomene beobachten lassen. Auf diese Weise möchten wir einerseits einen Querschnitt durch die \'Gattungen\' der mittelalterlichen Literatur bieten und andererseits dazu ermuntern, kritisch mit den ReferentInnen zu diskutieren.

Organisationsform

Vortrag mit anschließender Diskussionsmöglichkeit

Einführende Literatur:


Studiengänge und Module

Bachelor

BA B 2.1/b Vorlesung: 2 LP
BA B 2.4 Vorlesung NDL/Linguistik/Mediävistik (2 LP)
BA ÜK B Vortragsreihe: je nach Arbeitsaufwand 1-2 LP

Master

3. Sprache und Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (MA/FNZ)

MA Grundlagenmodul – Vorlesung MA/FNZ 1: Mittelalter I (4 LP)
MA Vertiefungsmodul Mittelalter – Vorlesung: Mittelalter II (4 LP)
MA Kompaktmodul – Vorlesung MA/FNZ: Literaturgeschichte des Mittelalters oder der Frühen Neuzeit (4 LP)

Lehramt (neu)

C 1/c: Ergänzungsmodul: Vorlesung Mediävistik: 4 LP (in: HF / HF+K/M / EF+HF) bzw. 2 LP (in: EF + BF)

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