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Ricarda Wagner

Europäische Liebeslyrik des Mittelalters

Do, 9:15 - 10:45
PB SR 122
Beginn: 17.10.2013

Gegenstand

«minne ist ein sô swaerez spil»,
klagt eine Dame in einem Minnelied von Reinmar dem Alten (MF 187,19), und tatsächlich hat die mittelalterliche Liebeslyrik einiges gemeinsam mit einem Spiel. Erstens entsteht sie als ein gemeinschaftliches Phänomen, das im Miteinander einer höfischen Gesellschaft seinen festen Platz hat. Zweitens lebt das poetische Sprechen über die Minne wie ein Spiel von Konventionen – Regeln der Kunst, die sowohl Form als auch Thematik vorgeben und befolgt oder revolutioniert werden wollen. In diesem Seminar erkunden wir die mittelalterliche Liebeslyrik als ein europäisches Spiel.
Dazu lesen wir uns durch eine bunte Auswahl spannender Texte der europäischen Literaturtraditionen [alle außer die mhd. Texte werden mit Übersetzung zur Verfügung gestellt]: Die mittellateinische Literatur bietet uns Liebesgedichte aus dem geistlichen Milieu bis hin zur Vagantenlyrik der „Carmina Burana“. Die Dichtungen der provenzalischen Trobadors (wie Guillaume IX de Poitiers, Marcabru und Arnaut Daniel) begeisterten auch die Höfe in Katalonien und Norditalien, und beeinflussten spätere, ebenfalls berühmte Autoren wie Dante („La vita nuova“) und Petrarca. Ebenso inspirierte die provenzalische Liebeslyrik Minnesänger deutscher Sprache wie Friedrich von Hausen oder Heinrich von Veldeke. Gleichfalls ist uns aber auch mit dem donauländischen Minnesang (Der von Kürenberg, Dietmar von Eist) eine idiosynkratische Tradition der mhd. Liebeslyrik überliefert, aus der wir uns auch einige einschläge Texte ansehen wollen. In englischer Sprache finden sich besonders im späten Mittelalter prächtige Sammlungen anonymer „Volkslieder“ über die Liebe, von denen erfreulich viele sogar mit musikalischer Notation überliefert sind. Schließlich wollen wir auch einen kurzen Blick auf das Ghasel werfen, eine Form höfischer Liebeslyrik der arabischen Halbinsel, die im Mittelalter nicht nur dort große Verbreitung fand.
Anhand dieser europäischen Lyrikauslese wollen wir auskundschaften, wie das Thema der Liebe im Mittelalter textlich gespielt wurde. Leiten werden uns dabei sowohl gattungspoetologische Ermittlungen von sprachüberschreitender lyrischer Form, Motivik, Rhetorik, Melodik und Untergattungen (z. B. Tagelied, Kreuzlied, Pastourelle) als auch kulturhistorische Fragen nach Geschlechterrollen, Performativität der Texte und den Selbstentwürfen der Sänger/Autoren, von denen ihre Lieder zeugen.
Ziel dieses Seminar ist also sowohl die Arbeit an literaturwissenschaftlichen Nahaufnahmen der einzelnen Texte mithilfe der Werkzeuge für die mediävistische Lyrikanalyse als auch ein Weitwinkelblick auf die europäische Literaturgeschichte des Mittelalters. Kenntnisse der mittelalterlichen Fremdsprachen sind willkommen, aber keineswegs Voraussetzung für die Seminarteilnahme – komparatistische Neugier und Lesekompetenz in einer modernen Fremdsprache (Französisch, Italienisch oder Englisch) dagegen schon.

Organisationsform

- Individuelle Auseinandersetzung mit mittelalterlichen Texten und Sekundärliteratur in häuslicher Lektüre
- Gemeinsame Auseinandersetzung mit den Texten in Plenumsdiskussionen
- Abgabe kurzer Essays zur individuellen Vertiefung der literaturwissenschaftlichen Arbeit
- Abschluss des Proseminars mit einer schriftlichen Hausarbeit oder einer mündlichen Prüfung [je nach Modul und Studiengang]

Textgrundlage und einführende Literatur:

Eine polyglotte Sammlung von Primärtexten wird zu Beginn des Semesters zur Verfügung gestellt, aber einige spannende Anthologien laden schon über den Sommer zum Stöbern ein, z. B.
- Des Minnesangs Frühling. Bd. 1: Texte. Hrsg. von Hugo Moser u. Helmut Tervooren. 38. Aufl. Stuttgart 1988.
- Lieder der Trobadors: provenzalisch/deutsch. Ausgew., übers. u. komment. von Dietmar Rieger. Stuttgart 1989.
- Lateinische Lyrik des Mittelalters. Hrsg. von Paul Klopsch. Stuttgart 1985.

Folgende zwei Klassiker der Forschungsliteratur bieten sich zum kulturhistorischen Einstieg ins Thema an:
- Schnell, Rüdiger. „Die ,höfische‘ Liebe als ,höfischer‘ Diskurs über die Liebe.“ in: Curialitas. Studien zu Grundfragen der höfisch-ritterlichen Kultur. Hrsg. von Josef Fleckenstein. Göttingen 1990. 231-301.
- Dinzelbacher, Peter. „Über die Entdeckung der Liebe im Hochmittelalter.“ Saeculum 32 (1981): 185-208.
Einen jüngeren Überblick mit europäischer Perspektive bietet Galvez, Marisa. Songbook: How Lyrics became Poetry in the Medieval Europe. Chicago 2012.

Studiengänge und Module

Bachelor

BA B 2.1/a Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)
BA B 2.2 Proseminar Mediävistik: zweite ältere Sprachstufe/klass. mhd. Literatur (6 LP)
BA B 2.3 Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)

Magister und Lehramt (alt)

Mag und LA (alt) Proseminar: Hausarbeit oder mündliche ZP

Lehramt (neu)

A 2: Basismodul Proseminar Mediävistik: klass. mhd. Literatur (6 LP)
A 3/b: Vertiefungsmodul: Proseminar Ältere deutsche Philologie: zweite ältere Sprachstufe/klass. mhd. Literatur, komplementär zu A 2 (6 LP)

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