Recht
Projekt
Jean Giraudoux formuliert pointiert: »Nie hat ein Dichter die Natur so frei ausgelegt wie ein Jurist die Wirklichkeit.« Die Klage über die Unverständlichkeit juristischer Denkweisen und rechtssprachlicher Texte ist ein Topos. Die Forscher/innen der Wissensdomäne beschäftigen sich mit sprachlichen Aspekten bei der Konstitution juristischen Fachwissens. Dazu muss zuerst herausgearbeitet werden, wie eine juristische Sicht der Dinge bzw. Sachverhalte sprachlich konstituiert wird, bevor man die Frage erörtern kann, wie zwischen einer juristischen und einer außerjuristischen Sichtweise auf den selben Sachverhalt vermittelt werden könnte. Die Transparenz derartiger Konstitutionsbedingungen im Recht ist also die unverzichtbare Voraussetzung für die Erörterung von Vermittlungsaspekten. Das Nachzeichnen einer solchen rechtlichen Modellierung von Wirklichkeitsausschnitten muss am Anfang jeder Vermittlungsfragestellung stehen und kann auf Grund der Komplexität der Fachdomäne nur an »kleinen« Weltausschnitten exemplifiziert werden. Vermittlungs- bzw. Verstehensprobleme zwischen Recht und Alltag können auf textueller und pragmatischer Ebene erklärt werden. So wird deutlich, wie sich juristische und alltagsweltliche Sachverhaltskonstitution unterscheiden und welcher Stellenwert dabei sprachlichen Zeichen zukommt.
Ereignisse & Ergebnisse
- Die Projektleiter der Wissensdomäne »Recht« sind in den Beirat zum
Redaktionsstab »Rechtssprache« im Bundesministerium der Justiz berufen worden. - Das Projekt »
Semantische Kämpfe zwischen nationalen und internationalen Gerichten: Operationalisierung sprachlicher Verfahren zur Konstitution von Faktizität im Recht« wird in Zusammenarbeit mit dem Direktor des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg, Prof. Dr. Armin von Bogdandy, realisiert. Damit ist eine enge und institutionalisierte Zusammenarbeit mit Vertretern der Rechtswissenschaft gewährleistet. Im Zentrum des Projekts steht das Dissertationsvorhaben von Janine Luth mit dem Titel »Machtkonflikte zwischen nationalen und internationalen Gerichten in der öffentlichen Wahrnehmung.
Semantische Kämpfe im europäischen Rechtsdiskurs anhand ausgesuchter Fälle.« Eine Projektvorstellung erfolgt in der Zeitschrift Der Staat in Heft 4/2010. - Das Untersuchungsprogramm der pragma-semiotischen Textarbeit als Basis der
»Linguistischen Diskursanalyse« ist in der Publikation »Sprache – das Tor zur Welt« verfügbar. (
Verlagsinformationen) - Die Wissensdomäne »Recht« kooperiert mit dem
Zentrum für Rechtslinguistik.
Projektziele
Die Leitfragen der Wissensdomäne Recht lassen sich wie folgt umreißen:
- Welche Rechtsprechung findet gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit, und wie wird bei diesen Fällen der in Gesetzesbüchern kodifizierte Normtext in Bezug gesetzt zur sozialen Wirklichkeit? Wie wird bei diesen konkreten Fällen aus Gesetzestexten eine Rechtsnorm (die mehr ist als der Gesetzestext) generiert?
- Wie lassen sich die unterschiedlichen Konzeptualisierungen innerhalb des Rechts, also etwa zwischen Haftpflichtrechtlern, Verwaltungsrechtlern, Strafrechtlern etc. verdeutlichen (Verdeutlichen von verschiedenen innerjuristischen Sichtweisen und länderspezifischen bzw. EU-Aspekten im Rechtsetzungsprozess)?
- Wie formiert ein Jurist - von Tatbeständen und Rechtstexten als juristischen Wissensrahmen ausgehend - Sachverhalte der Lebenswelt (alltagsweltliche Wissensrahmen) im Hinblick auf die rechtliche Welt und ihre Schemata, die sich in Gesetzestexten, in der bisherigen Rechtsprechung und gegebenenfalls in der rechtswissenschaftlichen Literatur niederschlagen?
- Wie lässt sich die Transformation von außerrechtlich Gefasstem in rechtlich Gefasstes im Prozess der Rechtsetzung beschreiben - also ausgehend von den nichtjuristischen Fachleuten (z.B. in der Verwaltung, Medizin, Informatik, Wirtschaft), die etwas in einem bestimmten Bereich für regelungsbedürftig halten, z.B. den ganzen Lebensmittelbereich, Chemikalienbereich, Krankenversicherungsbereich, über die Politik bis hin zum Rechtstext? Vereinfacht exemplifiziert: Was passiert mit dem Anliegen des Chemikers, der uns vor gefährlichen Chemikalien schützen möchte, bis hin zum Normsatz?
- Wie lassen sich die rechtssprachlichen Mittel der Fachtermini, Syntagmen und Intertextualitätsverweise in ihren Funktionen und Wirkungen beschreiben?
- Wie lässt sich das Verstehen von Rechtstexten (z.B. Gesetzestexte, Gerichtsentscheidungen, rechtswissenschaftliche Literatur usw.) transparent machen?
- Wie lässt sich die postulierte Gesetzestextbindung und die praktizierte Rechtsfortbildung in juristischen Argumentationen erhellen, und welche Bedeutung kommt dabei fachsprachlicher Vagheit zu?
(
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ProjektleitungProf. Dr. Ekkehard Felder
Anschrift: |
Fachliche KooperationspartnerProf. em. Dr. Friedrich Müller
Universität Heidelberg |
Dr. Markus Nussbaumer
Anschrift: |
Dr. iur. Dr. phil. Ralph Christensen
Repetitor für Öffentliches Recht bei Hemmer Bonn |



