Mathematik
Projekt
Obwohl in öffentlichen Diskursen kaum präsent, gilt die Mathematik als eine der Leitwissenschaften unserer Zeit. Sie erweist sich nicht nur in den Naturwissenschaften als nützlich, sondern auch in der Industrie, wo sie in die Entwicklung neuer Produkte vielfach eingeht. So enthalten Kreditkarten, CD-Player, Navigationsgeräte sowie viele andere technischen Produkte und Softwarelösungen anspruchsvolle Mathematik. Hochtechnologie ist immer auch mathematische Technologie.Durch ihre Abstraktheit ist die Mathematik so ausgreifend wie kaum eine andere Wissenschaft, was zu einer immer weitergehenden mathematischen Rekonstruktion von Objekten und Sachverhalten in den Anwendungsdomänen führt. In diesem Prozess nimmt die Sprache eine besondere Rolle ein: So müssen sich die Mathematiker erst ein Bild von den relevanten Eigenschaften der zu modellierenden Objekte und Sachverhalte machen, wobei dies stets im Gespräch mit Vertretern der jeweiligen Anwendungsdomäne geschieht. Zudem müssen die Mathematiker andere - darunter Ingenieure und Manager - von der Nützlichkeit ihrer Wissenschaft überzeugen, damit die Mathematik überhaupt zum Einsatz kommt.
Die Wissensdomäne Mathematik möchte diesen Modellierungs- und Überzeugungsprozess aus linguistischer Perspektive untersuchen, um exemplarisch die Rolle der Sprache in der industriellen Produktentwicklung nachzuzeichnen. Hierfür nimmt sie vor allem die professionelle Kommunikation innerhalb einzelner Organisationen in den Blick. In einem nächsten Schritt soll die Anwendung der Mathematik im weiteren Sinne, etwa bei der Entwicklung von Kennzahlen zur Steuerung von Organisationen, analysiert werden. Dies soll helfen, die oft wahrgenommene Mathematisierung der Welt empirisch fassbar zu machen.
Methodisch wird an ethnographisch orientierten Arbeiten der Wissenssoziologie angeknüpft. Indem Linguisten als »mitarbeitende Beobachter« ausgewählte Forschungs- und Entwicklungsprojekte begleiten, soll die Innenwelt der Industriemathematik beschrieben werden. Im Zentrum steht dabei stets die Arbeit an Texten, die in solchen Projekten entstehen, beispielsweise Softwaredokumentationen und Marketingmaterial.
Als Kooperationspartner sollen Mathematiker gewonnen werden, die in Forschung- und Entwicklungsabteilungen von Unternehmen tätig sind oder an universitären und außeruniversitären Instituten für Industriemathematik arbeiten.
Projektziele
Die Wissensdomäne Mathematik stellt sich unter anderem folgende Fragen:- Wie entsteht Wissen in der Industriemathematik? Worin liegen die Unterschiede zur reinen Mathematik? Welches Erkenntnisinteresse haben die Akteure? Welches Selbstverständnis haben sie?
- Wie wird das mathematische Wissen in den Anwendungsdomänen nutzbar gemacht? Wie werden Theorien, Begriffe, Objekte zugeschnitten und umgedeutet, ersetzt oder umdefiniert, um die Mathematik einsetzen zu können? Welche Widerstände spüren beide Seiten dabei?
- Wieviel Mathematik bleibt bei ihrer Anwendung erhalten? Wieviel ist in Form von Produkten, Software und Texten sichtbar, wieviel unsichtbar?
- Wie wird versucht, Kunden von der Nützlichkeit der Mathematik zu überzeugen? Welche Argumente machen den Einsatz von Mathematik aus Kunden- und Anwendersicht vernünftig?
- Lässt sich in der Mathematisierung der Anwendungsdomäne ein »mathematical way of thinking« erkennen? Lässt sich eine wirklichkeitskonstituierende Kraft der Mathematik nachweisen?
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ProjektleitungDr. Vasco Alexander Schmidt
Senior Information Developer |
Fachlicher KooperationspartnerProf. Dr. Dr. h.c. Helmut Neunzert
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